Hygiene und Sicherheit: der professionelle Standard
Hygiene ist nicht der langweilige Teil des Tätowierens, sondern das, was Profis von einem Haftungsrisiko unterscheidet. Schulung und Rechtslage, die Trennung von rein und unrein, echte Sterilisation, konforme Farben und die Entsorgung von Sharps.
Aktualisiert Juni 2026

Kurz gesagt: Hygiene ist nicht der langweilige Teil des Tätowierens, sondern genau das, was einen Profi von einem Haftungsrisiko unterscheidet. Jedes Tattoo ist ein perkutaner Eingriff: Du durchdringst die Hautbarriere, es fließt Blut, und blutübertragbare Erreger können in beide Richtungen zwischen dir und deinem Kunden wandern. Der Maßstab dafür heißt nicht „kurz abwischen und hoffen“, sondern folgt derselben Logik des Infektionsschutzes wie in Klinik und Praxis, und in Deutschland ist er gesetzlich verankert. Dieser Ratgeber beschreibt den professionellen Standard, Stand 2026: Schulung und Rechtslage, die Trennung von rein und unrein, die alles strukturiert, richtig durchgeführte Sterilisation, konforme Farben und wie Sharps dein Studio verlassen.
Wie bei den anderen Ratgebern zur Einrichtung ist das eine allgemeine Orientierung, keine Rechtsberatung. Hygieneregeln werden zum Teil von den Ländern festgelegt und vom örtlichen Gesundheitsamt überwacht. Bei Detailfragen hat also das Gesundheitsamt das letzte Wort.
Schulung und rechtlicher Rahmen
In den USA sprechen Tätowierer von einem „Bloodborne-Pathogen-Zertifikat“. In Deutschland und der EU ist der Rahmen ein anderer und, ehrlich gesagt, strenger: Du giltst als Beruf, der mit menschlichem Blut arbeitet. Maßgeblich ist die Biostoffverordnung (BioStoffV), die Verordnung über Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen. Konkretisiert wird sie durch die TRBA 250, die Technische Regel für biologische Arbeitsstoffe im Gesundheitswesen und in der Wohlfahrtspflege (2025 aktualisiert), überwacht wird sie über deine Unfallversicherung, die BGW. Hinzu kommen die Hygieneempfehlungen von KRINKO/RKI und die Überwachung durch das Gesundheitsamt nach § 36 IfSG.
In der Praxis heißt das: Du brauchst eine nachgewiesene Hygieneschulung, einen schriftlichen Hygieneplan und Abläufe, die diesen Regeln folgen. Das ist keine freiwillige Kür, sondern rechtliches Minimum für alle, die bei ihrer Arbeit mit Blut in Kontakt kommen.
Schütze zuerst dich selbst
Du kannst deine Kunden nicht schützen, wenn du selbst Erreger überträgst. Die Grundlagen des Eigenschutzes: eine aktuelle Hepatitis-B-Impfung (bei Arbeit mit Blutkontakt praktisch selbstverständlich, und Arbeitgeber müssen sie nach den Arbeitsschutzregeln anbieten), ein aktueller Tetanusschutz und konsequenter Umgang mit Handschuhen: Handschuhe bei jedem Eingriff, frische, sobald du den reinen Bereich verlässt, niemals wiederverwendet. Deine eigene Immunität und deine Schutzbarrieren sind die erste Verteidigungslinie des ganzen Systems.
Das Prinzip rein und unrein
Jedes funktionierende Hygienekonzept beruht auf einer einfachen Denkweise: Jeder Gegenstand und jede Fläche ist zu jedem Zeitpunkt entweder rein (steril oder desinfiziert, frei von Kontamination) oder unrein (hatte Kontakt mit Blut, Haut oder einem kontaminierten Handschuh). Deine ganze Aufgabe besteht darin, dass sich beides nie vermischt.
Praktisch bedeutet das zum einen die Trennung von reiner und unreiner Hand (eine Hand bleibt „rein“ und fasst nur sterile Gegenstände an, die andere übernimmt alles Kontaminierte), zum anderen Schutzfolie auf allem, was du während des Eingriffs anfasst: Maschine, Clipcord oder Griff, Farbflaschen, Lampengriff, Schubladengriff, Arbeitsfläche. Fasst eine behandschuhte Hand, die gerade die Haut des Kunden berührt hat, deine Maschine an, und die Maschine war nicht abgedeckt, ist sie jetzt unrein, und alles, was du danach mit ihr berührst, ebenfalls.
Der Aufbau des Arbeitsplatzes
Der Aufbau folgt einer festen Choreografie, und die Reihenfolge ist entscheidend:
- Bau auf, bevor du Handschuhe anziehst, damit du nicht mit bloßen Händen an steriler Verpackung herumhantierst.
- Deck jede Kontaktstelle, die oben genannt ist, mit Schutzfolie ab.
- Nimm Einwegmaterial, wo immer es geht, frisch geöffnet.
- Füll die Farbe aus der Flasche in Einwegkappen und tauch nie eine benutzte Nadel zurück in die Flasche. Die Flasche bleibt rein, die Kappen werden weggeworfen.
- Richte ein reines Tablett mit allem her, was du brauchst, damit du den Eingriff von Anfang bis Ende durchziehen kannst, ohne außerhalb des reinen Bereichs zuzugreifen.
- Beim Abbau entsorgst du alle Einwegartikel, desinfizierst die Flächen und entfernst die Schutzfolie mit sauberen Händen, bevor der nächste Kunde kommt.
Einweg oder Autoklav: das Protokoll mit Sporentest
Das ist der technische Kern, und hier zeigt sich, wer Profi ist und wer nicht.
Der moderne Standard heißt Einweg: vorsterilisierte, einzeln verpackte Nadeln, Kartuschen, Röhrchen und Griffe, die vor den Augen des Kunden geöffnet werden, nachdem du Verpackung und Ablaufdatum geprüft hast. Genau deshalb arbeiten die meisten Studios heute komplett mit Einwegmaterial: Es ist der einfachste und sicherste Weg, und es gibt keine Aufbereitung, bei der etwas schiefgehen kann.
Wenn du irgendein Mehrweginstrument wiederverwendest, muss es in einem validierten Autoklaven sterilisiert werden (Dampf unter Druck), und die goldene Regel lautet: Reinigen ist nicht Sterilisieren. Der Ablauf: reinigen (am besten im Ultraschallbad), verpacken, autoklavieren (ein Klasse-B-Zyklus für verpackte, hohle oder lumenhaltige Instrumente), dann überprüfen.
Bei der Überprüfung machen die meisten Fehler, und sie ist der entscheidende Punkt dieses ganzen Artikels:
- Ein chemischer Indikator (der Streifen oder das Band, das die Farbe wechselt) zeigt nur, dass der Gegenstand die nötige Temperatur erreicht hat. Sterilität beweist er nicht. Ein grüner Streifen beruhigt, beweist aber nichts.
- Den echten Nachweis liefert ein Bioindikator (Sporentest): Röhrchen mit äußerst hitzeresistenten Sporen von Geobacillus stearothermophilus, die einen regulären Zyklus durchlaufen und anschließend bebrütet werden. Wächst nichts, hat der Zyklus selbst die widerstandsfähigsten Organismen abgetötet und damit auch alle anderen.
Professionell heißt also: ein chemischer Indikator bei jeder Charge, ein Sporentest in regelmäßigen Abständen (üblicherweise wöchentlich) und schriftliche Dokumentation von beidem. Wenn deine Sterilität allein an einem Streifen hängt, der die Farbe wechselt, weißt du eigentlich gar nicht, ob deine Instrumente steril sind.
REACH-konforme Farben
Auch die Chemie ist reguliert, und die Regeln wurden gerade noch einmal verschärft. Nach EU-REACH Anhang XVII, Eintrag 75 sind in Tätowierfarben und Permanent-Make-up über 4.000 gefährliche Stoffe beschränkt, jeweils mit strengen Konzentrationsgrenzen. Die bekanntesten Verbote, Pigment Blau 15:3 und Grün 7, die nach einer Übergangsfrist seit Januar 2023 vom Markt sind, waren erst der Anfang. 2026 kamen strengere Grenzwerte für aromatische Amine, PAK und allergene Metalle wie Nickel, Chrom und Kobalt hinzu, wodurch weitere bisher zulässige Pigmente die Grenze überschreiten. Entscheidend: Es gibt keinen Bestandsschutz. Nicht konforme Altbestände darfst du nicht mehr verwenden, egal wann du sie gekauft hast.
Genau hier tappen auch gewissenhafte Tätowierer in die Falle: „REACH-konform“ auf dem Etikett heißt für sich genommen gar nichts. Eine unabhängige Analyse blauer und grüner Farben, die in Europa als konform verkauft wurden, ergab, dass neun von zehn es nicht waren: falsch gekennzeichnet, mit fehlenden Inhaltsstoffen, manche sogar noch mit verbotenem Pigment. Deshalb gilt:
- Prüf das Sicherheitsdatenblatt (SDB), nicht die Werbung: Achte auf die Zusammensetzung, die Abschnitte zu Gefahren und Toxikologie und darauf, dass die Verordnung (EU) 2020/2081 genannt und die Verwendung für Tattoo oder PMU angegeben ist.
- Kauf bei seriösen Händlern, die echte Unterlagen und eine Rückverfolgung über Chargen- oder Losnummer bieten.
- Notier bei jeder Sitzung die Chargen- und Losnummer. Das wird ohnehin von dir erwartet, und es ist deine einzige Möglichkeit, das Produkt zurückzuverfolgen, falls ein Kunde einmal reagiert.
Der Fairness halber: Das Verbot von Blau und Grün war eine Vorsorgemaßnahme (in Analogie zur Kosmetik), kein Ergebnis eines nachgewiesenen Zusammenhangs zwischen Tattoos und Krebs. Selbst deutsche Behörden für Risikobewertung bezeichneten die Datenlage als dünn. Eine spannende Debatte, im Alltag ändert sie aber nichts: Du musst so oder so konforme Farben verwenden.
DIN EN 17169
Zusammengehalten wird all das von der europäischen Norm DIN EN 17169, „Tätowieren: sichere und hygienische Praxis“. Sie ist der maßgebliche Rahmen und deckt Hygieneanforderungen, Abläufe, Ausstattung und sicheres Arbeiten von Anfang bis Ende ab. Nimm sie als Leitfaden, an dem du deinen Hygieneplan und den Aufbau deines Arbeitsplatzes ausrichtest. Wenn ein Kontrolleur oder ein anspruchsvoller Kunde wissen will, nach welchem Standard du arbeitest, ist das die Antwort.
Entsorgung von Sharps und Abfall
Das Ende der Kette ist so wichtig wie der Anfang. Nach dem deutschen Standard (TRBA 250) ist der Umgang mit Sharps genau geregelt, und daran führt kein Weg vorbei:
- Benutzte Sharps (Nadeln, Kartuschen, Klingen) wirft die Person, die sie benutzt hat, sofort in einen durchstichsicheren, verschließbaren Einweg-Abwurfbehälter, der in unmittelbarer Nähe des Arbeitsplatzes steht.
- Steck nie eine Kappe zurück auf eine Nadel (kein Recapping), füll Sharps nie von einem Behälter in einen anderen um und überfüll den Behälter nie. Verschließ ihn, sobald die Füllmarke erreicht ist.
- Entsorge den verschlossenen Behälter ordnungsgemäß als Praxisabfall, nicht über den Hausmüll.
Anderer kontaminierter Abfall wie blutige Tücher und benutzte Schutzfolie wird nach deinen Abfallregeln entsorgt, und die Flächen werden nach jedem Kunden desinfiziert. Das Prinzip bleibt immer gleich: Kontaminiertes Material wird sicher eingeschlossen und sauber entfernt und gelangt nie zurück in den reinen Bereich.
Fazit
Hygiene ist das unsichtbare Handwerk: Wenn alles stimmt, bemerken Kunden es kaum, aber sie merken sehr wohl, wenn etwas nicht stimmt. Richtig umgesetzt schützt sie dich rechtlich im Rahmen von BioStoffV und IfSG, schützt deine Kunden gesundheitlich vor den realen Risiken eines Eingriffs, der die Haut verletzt, und ist ein sichtbares Zeichen von Professionalität: frisch geöffnetes Einwegmaterial, dokumentierte Sterilisation, konforme und rückverfolgbare Farben, konsequenter Umgang mit Sharps, alles ausgerichtet an DIN EN 17169. Glamourös ist nichts davon. Aber genau das ist die eigentliche Arbeit. Übe die Abläufe, bis sie sitzen, dokumentiere sie, und das sicherste Studio der Stadt wird auch das sein, dem Kunden auf den ersten Blick vertrauen.
Kernpunkte
- Jedes Tattoo ist ein perkutaner Eingriff und wird in Deutschland durch BioStoffV, TRBA 250 und § 36 IfSG geregelt.
- Schütze zuerst dich selbst: mit aktueller Hepatitis-B- und Tetanusimpfung und konsequentem Umgang mit Handschuhen.
- Die Trennung von rein und unrein bestimmt alles: Deck jede Kontaktstelle ab und füll die Farbe in Einwegkappen.
- Der moderne Standard ist vorsterilisiertes Einwegmaterial, das vor den Augen des Kunden geöffnet wird.
- Ein chemischer Indikator zeigt nur die Temperatur an, erst ein Sporentest beweist Sterilität, und beides muss dokumentiert werden.
- „REACH-konform“ auf dem Etikett sagt für sich wenig. Prüf Farben deshalb anhand des Sicherheitsdatenblatts und notier Chargen- und Losnummern.
- Benutzte Sharps kommen sofort in einen durchstichsicheren Behälter, und auf Nadeln wird nie eine Kappe zurückgesteckt.